WN Bericht

WN Bericht vom 05.09.2015

Sa., 05.09.2015

Hanfplantage in Hoetmar Landwirt macht in Cannabis

Der Hanf wächst ihnen über den Kopf:  Ursula und Frank Tenhumberg bereuen es nicht, sich für den Anbau von Nutzhanf entschieden zu haben.

Der Hanf wächst ihnen über den Kopf:  Ursula und Frank Tenhumberg bereuen es nicht, sich für den Anbau von Nutzhanf entschieden zu haben.Foto: Brocker

 

Hoetmar -

Nachdem sie ihren Lebensmittelladen geschlossen hat und er seinen Job als Immobilienkaufmann an den Nagel gehängt hat, machen Ursula und Frank Tenhumberg nun in Cannabis. Auf etwa einem Hektar in Buddenbaum bauen sie Nutz-Hanf an. Die Produkte vertreiben sie über das Internet.


Von Joke Brocker
 

Was haben die bloß geraucht? Sie (46), studierte Betriebswirtin, gibt ihren Lebensmittelmarkt in Hoetmar auf und macht nun in Cannabis. Er (46) hängt seinen Job als Immobilienkaufmann an den Nagel, erfüllt sich einen Kindheitstraum, wird Landwirt und baut Hanf an.

„Die Frage hat man uns schon öfter gestellt“, erzählen Frank und Ursula Tenhumberg schmunzelnd und berichten von ihren Überlegungen, mit ihrem Hof in der Bauerschaft Buddenbaum, auf dem sie seit neun Jahren Zuhause sind, Geld zu verdienen. Über Stachelbeer-, Brombeer- und Kirschplantagen haben die Tenhumbergs nachgedacht und diese Ideen gleich wieder verworfen. Zu wetterabhängig, zu risikoreich. Physalis anbauen? Der Versuch im vergangenen Jahr scheiterte. „Wir hatten ja nur drei bis vier Wochen Sommer, die Pflanzen wuchsen nicht“, blickt Ursula Tenhumberg zurück.

Irgendwann stieß das Paar auf einen Bericht über Hanf, die fast in Vergessenheit geratene, recht anspruchslose Pflanze, die die Menschen schon vor 12 000 Jahren in Europa anbauten. Die Tenhumbergs lasen sich in die Materie ein, besuchten das Hanf-Museum in Amsterdam – wo sonst? – und erfuhren, dass die krautige Pflanze viel mehr als ein Stoff für Kiffer ist. Eigentlich sei es schade, dass der zu den ältesten Nutz- und Zierpflanzen der Welt zählende Hanf stets aufs Kiffen reduziert werde, findet Frank Tenhumberg, der seit April auf etwa einem Hektar Acker Nutzhanf anbaut. Ganz legal. Ohne Tetrahydrocannabinol (THC), ohne Rauschgehalt, wie ein Schild am Rande der Plantage unweit der Buddenbaum-Kapelle Passanten wissen lässt. „Schade“, hat ein Witzbold mit roter Farbe drunter geschmiert.

Der Anbau werde durch die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) streng überwacht, erzählt Tenhumberg. Es gebe regelmäßige THC-Kontrollen, Probeentnahmen. Außerdem müsse der BLE der Blühbeginn mitgeteilt werden.

Um Irritationen vorzubeugen, hatte Frank Tenhumberg der Warendorfer Polizei mitgeteilt, „dass ich jetzt in Cannabis mache“ und die offizielle Anbau-Genehmigung vorgelegt. Trotzdem stand – die Pflanzen mit den unverwechselbaren fünffingerigen Blättern waren erst wenige Zentimeter groß – irgendwann die Kripo auf dem Hof. Inzwischen aber hat sich unter den Ordnungshütern herumgesprochen, dass Tenhumberg münsterlandweit der einzige Landwirt ist, der Nutzhanf anbaut. In Nordrhein-Westfalen ist er bislang wohl auch der einzige, der davon leben kann.

In diesen Tagen ist der Hoetmarer von morgens bis abends auf dem intensiv nach frischem Gras duftenden Hanffeld unterwegs. Bis zum 10. September muss es abgeerntet sein. Bereits im Juni haben die Tenhumbergs junge Hanfblätter von den Stängeln gezupft und zum Trocknen in Netzvorrichtungen gelegt. Die erste Ernte der jungen Blätter, die getrocknet in Big Bags zwischengelagert wurden, ist bereits in der Teemühle der Freckenhorster Werkstätten auf dem Hof Lohmann gemahlen und verpackt worden. Die Pflanzen wuchsen weiter und bildeten prächtige Dolden aus. Zurzeit haben die Tenhumbergs alle Hände voll damit zu tun, die Dolden (Blüten) von den Stängeln zu trennen und zu bündeln. Die Blüten-Bündel müssen einige Wochen unter Schattennetzen trocknen, ehe sie zu Hanfblüten-Tee weiterverarbeitet werden können.

Nutzhanf-Pflanzen können komplett verwertet werden. Aus ihren Fasern wurden Uniformjacken und Mitte des vorigen Jahrhunderts die ersten Levi-Strauss-Jeans produziert. Aus Hanf lassen sich Seile, Tücher, Dämmstoffe – die auch die Autoindustrie längst für sich entdeckt hat – herstellen. Aus den Samen werden Öle mit den für den menschlichen Körper sofort verwertbaren Omega 3-, 6- und 9-Säuren gewonnen. Die Samen schmeckten, geröstet und in Honig getunkt, ebenso gut wie in Müsli oder Salat.

„Hanfblüten-Tee und Hanfblätter-Tee sind frei von Gerbstoffen, Teein sowie Koffein und daher bekömmlich, beruhigend und ausgleichend“, weiß Ursula Tenhumberg. Der Blüten-Tee entschlacke, reguliere Appetit und Stoffwechsel. „Entrindet man den Stängel der Pflanze“, ergänzt Frank Tenhumberg, „verbleibt ein Holzkörper, den man wunderbar zu Pellets pressen kann.“

Obwohl der THC-Gehalt unter 0,2 Prozent liegt, Tenhumbergs Speisehanf also keinerlei berauschende Wirkung hat, sind schon öfter ungebetene Gäste über den Elektrozaun gestiegen, um einige der rund drei Meter hohen Pflanzen „zu ernten“. Die Arbeit müssten sie sich nicht machen, bietet doch Ursula Tenhumberg in ihrem Internet-Shop neben naturbelassenen Hanfsamen, Tee und Honig aus der Hobbyimkerei ihres Mannes „Hampf Dampf“ an. Ein grünes Kraut aus fermentierten Hanf-Teeblättern zum ganz legalen Rauchen.